Eine aktuelle Meta-Analyse unterstreicht die entscheidende Bedeutung von Bewegung und angepasster Ernährung vor chirurgischen Eingriffen. Diese präventiven Maßnahmen, bekannt als Prähabilitation, können das Risiko postoperativer Komplikationen erheblich reduzieren und den Heilungsprozess beschleunigen. Trotz der evidenten Vorteile, die durch Studien belegt sind, steht die flächendeckende Implementierung und finanzielle Absicherung solcher Programme im deutschen Gesundheitssystem noch vor Herausforderungen. Experten fordern eine stärkere Integration der Prähabilitation in den Klinikalltag, um die Genesung der Patienten zu optimieren und langfristig Kosten zu senken.
Die Untersuchung, durchgeführt von einem Forschungsteam der Universität von Kalifornien in Los Angeles unter der Leitung von Justine Lee, fasst die Ergebnisse von 23 Studien zusammen, die den Einfluss von Ernährungs- und Bewegungsprogrammen auf den präoperativen Zustand von Patienten analysierten. Die im "Journal of the American College of Surgeons" veröffentlichten Erkenntnisse zeigen, dass Patienten, die vor einer Operation körperlich trainieren, im Durchschnitt ein um etwa 50 Prozent geringeres Risiko für postoperative Komplikationen aufweisen. Diese Bewegungsprogramme, die oft Kraft- oder Intervalltraining umfassen, dauerten zwischen zwei Wochen und sechs Monaten und verbesserten auch die von den Patienten wahrgenommene Lebensqualität.
Ernährungsprogramme, die in der Regel fünf Tage bis zwei Wochen vor der Operation stattfanden und häufig spezielle Nahrungsergänzungsmittel beinhalteten, konnten den Krankenhausaufenthalt im Durchschnitt um 14 Prozent verkürzen. Ein direkter Einfluss auf die Reduktion von Komplikationen konnte hierbei jedoch nicht nachgewiesen werden. Christian Sturm, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Physikalische und Rehabilitative Medizin, bestätigt die Plausibilität dieser Ergebnisse und betont, dass in Deutschland die Entwicklung solcher präoperativen Vorbereitungen noch am Anfang steht, während Länder wie die Niederlande bereits deutlich weiter sind.
Ein wesentliches Hindernis für die Verbreitung der Prähabilitation in Deutschland ist die fehlende offizielle Vergütung der Programme als Ganzes. Obwohl Ärzte Physiotherapie oder Ernährungsprogramme individuell verschreiben können, existiert kein einheitliches "Fertigpaket". Sturm weist darauf hin, dass eine präoperative Stärkung des Patienten – sei es durch gezieltes Training zur Schmerzlinderung vor einer Knieoperation oder durch eine verbesserte körperliche Verfassung vor einem Eingriff – in jedem Fall positive Auswirkungen hat.
Angesichts der weltweit jährlich über 300 Millionen Operationen und einer alternden Bevölkerung, die zu einem weiteren Anstieg dieser Zahl führt, ist die Bedeutung der Prähabilitation immens. Bis zu 25 Prozent der Patienten erleiden nach chirurgischen Eingriffen Komplikationen. Die präoperative Optimierung der körperlichen Ausdauer, der Ernährungsreserven und der mentalen Bereitschaft ist daher entscheidend. Insbesondere bei geschwächten Personen mit Mangelernährung sind unterstützende Maßnahmen unerlässlich. Die Integration psychologischer Ansätze, wie kognitive Verhaltenstherapie, wird ebenfalls vorgeschlagen, um den Umgang mit Stress zu verbessern.
In Deutschland wird laut Sturm oft zu schnell operiert, obwohl zunächst konservative Behandlungsmethoden bevorzugt werden sollten, wenn kein Notfall vorliegt. Budget- und Wirtschaftlichkeitsprüfungen in Arztpraxen können dazu führen, dass notwendige präventive Maßnahmen wie Physiotherapie nicht ausreichend verordnet werden. Eine umfassende Prähabilitation ist besonders wichtig für ältere Patienten oder solche mit chronischen Beschwerden, da sie die Liegezeit nach der Operation reduziert und somit das Risiko von Komplikationen wie Lungenentzündungen, Embolien oder Thrombosen minimiert. Dies führt nicht nur zu einer schnelleren Genesung, sondern auch zu einer Reduzierung der Folgekosten im Gesundheitswesen.
Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin haben bereits Leitlinien zur Prähabilitation für ältere, gebrechliche Patienten entwickelt, die Bewegung, Ernährungstherapie und psychologische Unterstützung empfehlen. Trotzdem fehlt es an standardisierten und klaren Empfehlungen für die Organisation und Durchführung dieser Programme, was zu einer hohen Heterogenität der Studienergebnisse führt. Weitere groß angelegte Studien sind notwendig, um die langfristigen Auswirkungen der Prähabilitation zu erforschen und ihre Integration in den Klinikalltag zu optimieren. Am Medizinischen Hochschule Hannover werden bereits erfolgreiche Prähabilitationsprogramme in der Bauchchirurgie eingesetzt, um durch Investitionen im Vorfeld postoperative Komplikationen und damit verbundene Kosten zu reduzieren.
