Die vorliegende Abhandlung befasst sich mit einer bemerkenswerten Erzählung aus dem „Reimpassional“, einer umfangreichen Sammlung mittelhochdeutscher Heiligenviten aus dem 13. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht die außergewöhnliche Geschichte der Theodora, die nach einem sündhaften Fehltritt eine radikale Entscheidung trifft und fortan als Mann lebt. Diese Legende bietet einen tiefen Einblick in die mittelalterliche Auffassung von Geschlechterrollen und die überraschende Akzeptanz einer selbstgewählten Identität, die auch im modernen Diskurs über Geschlecht und Identität noch von Bedeutung ist. Sie zeigt, wie fluide und komplex Identitätskonzepte in historischen Kontexten sein konnten.
Das „Reimpassional“, auch bekannt als „Altes Passional“, ist eine bedeutende Quelle mittelhochdeutscher Dichtung. Es entstand höchstwahrscheinlich im Umfeld des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert und basierte primär auf der lateinischen „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine. In diesem Werk ist die Geschichte der heiligen Theodora überliefert, einer jungen Frau von großer Schönheit und Frömmigkeit, die ein glückliches Leben an der Seite ihres Ehemannes führte. Ihr friedliches Dasein wurde jedoch durch die Verführung des Teufels jäh zerstört, der sie zu einem Ehebruch verleitete. Von überwältigender Schuld geplagt, versank sie in tiefe Verzweiflung, woraufhin ihr Ehemann sie verließ. Ihr Kummer und ihre Scham trieben Theodora zu einer drastischen Maßnahme.
In einem Akt der Transformation legte sie ihre weibliche Kleidung ab, schnitt sich die Haare kurz und nahm die Erscheinung eines Mannes an. In dieser neuen Gestalt, nun als Theodorus, suchte sie Zuflucht in einem nahegelegenen Mönchskloster, wo sie um Aufnahme bat und diese auch erhielt. Als Mönch führte Theodorus ein beispielhaftes Leben, geprägt von Tugend, Demut, Fleiß und tiefer Frömmigkeit. Dies fand großen Anklang bei ihren Mitbrüdern und dem Abt. Die Erzählung des „Reimpassionals“ spiegelt diese Transformation wider, indem sie ab diesem Zeitpunkt ausschließlich männliche Pronomen und den Namen Theodorus verwendet, die sündige Theodora hinter sich lassend. Es ist bemerkenswert, wie der mittelalterliche Autor die Geschlechteränderung in seiner Sprache akzeptiert und umsetzt, was im starken Kontrast zu heutigen Schwierigkeiten in ähnlichen Diskussionen steht.
Erst nach dem Tod des Theodorus, als die wahre Identität aufgedeckt wurde, kehrte der Erzähler zu den weiblichen Pronomen und dem Namen Theodora zurück. Die Geschichte unterscheidet sich von der anderen Theodora von Alexandrien, die in Männerkleidung flieht, um einem Schicksal im Freudentempel zu entgehen. Die Theodora des Reimpassionals trifft ihre Entscheidung aus innerem Antrieb, um Buße zu tun und ihre frühere Identität dauerhaft abzulegen, und lebt den Rest ihres Lebens als Mönch, ein Leben, das sie als Mann „vollkommen“ führt. Diese Erzählung ist hauptsächlich im „Reimpassional“ zu finden und wurde von Friedrich Karl Köpke herausgegeben.
