Natur

Meereslärm und die Überlebensstrategien der Grindwale

May 11, 2026

In der stark befahrenen Meerenge von Gibraltar, einem Knotenpunkt des globalen Schiffsverkehrs, stehen Grindwale vor einer erheblichen Herausforderung: Der kontinuierliche Lärm von über 60.000 Schiffen jährlich beeinträchtigt ihre Kommunikation massiv. Eine neue Studie zeigt, dass diese Meeressäuger gezwungen sind, ihre Rufe zu intensivieren, um sich über Wasser halten zu können. Diese Anpassung ist jedoch nicht immer ausreichend, insbesondere bei tieffrequenten Rufen, die für die soziale Interaktion und das Auffinden von Artgenossen unerlässlich sind. Die Untersuchung unterstreicht die prekäre Lage dieser Population und fordert dringend Maßnahmen zum Schutz der Wale und zur Reduzierung des Unterwasserlärms.

Die Straße von Gibraltar ist nicht nur ein Hotspot des internationalen Handels, sondern auch ein entscheidender Lebensraum für eine Vielzahl von Meeresbewohnern, darunter die Grindwale. Diese Meeressäuger sind auf akustische Signale angewiesen, um zu navigieren, nach Nahrung zu suchen und soziale Kontakte zu pflegen. Die Forschungsarbeit, geleitet von Milou Hegeman und Frants Jensen von der dänischen Universität Aarhus, beleuchtet detailliert, wie der von Menschen verursachte Lärm das komplexe Kommunikationssystem der Wale stört. Die Wissenschaftler haben zwischen 2012 und 2015 die Rufe der Grindwale im Mittelmeer aufgezeichnet, wobei sie spezielle Geräte mit Saugnäpfen an den Tieren befestigten. Diese Geräte registrierten nicht nur die Lautäußerungen der Wale, sondern auch deren Tauchtiefen und Bewegungsmuster. Nach etwa 24 Stunden lösten sich die Geräte von selbst und lieferten wertvolle Daten über das Leben der Grindwale in dieser lärmintensiven Zone. Die Analyse von über tausend Walrufen und dem umgebenden Geräuschpegel, der von der Lautstärke eines geschäftigen Restaurants bis zu der eines Staubsaugers reichte, zeigte eine klare Korrelation zwischen externem Lärm und der Lautstärke der Walrufe.

Die Ergebnisse der Studie, die im „Journal of Experimental Biology“ veröffentlicht wurden, zeigen, dass die Grindwale auf den zunehmenden Lärmpegel reagieren, indem sie die Lautstärke ihrer Rufe erhöhen. Dies betrifft insbesondere hochfrequente und kurze, unterbrochene Rufe, die für die Kommunikation über kurze Distanzen genutzt werden. Eine moderate Steigerung der Lautstärke reicht hierbei oft aus, um sich Gehör zu verschaffen. Allerdings stößt diese Anpassungsfähigkeit an ihre Grenzen. Bei bestimmten tieffrequenten Rufen, die für die Orientierung und das Zusammenfinden der Herde nach der Nahrungssuche von entscheidender Bedeutung sind, erreichen die Wale bereits das physiologische Maximum ihrer Stimmproduktion. In diesen Fällen können sie den Schiffsgeräuschen nicht mehr entgegenwirken, was ihre effektive Kommunikationsreichweite erheblich einschränkt und das Überleben der Population gefährdet. Die Grindwalpopulation in der Straße von Gibraltar ist mit nur noch etwa 250 Tieren ohnehin schon stark dezimiert. Die Forscher betonen daher die dringende Notwendigkeit, den anthropogenen Lärm im Meer zu reduzieren, um diese Population vor weiteren Schäden zu bewahren und ihre langfristige Existenz zu sichern.

Die Erkenntnisse aus Gibraltar machen deutlich, wie menschliche Aktivitäten tiefgreifende Auswirkungen auf marine Ökosysteme haben. Der Unterwasserlärm stört nicht nur die Kommunikation der Grindwale, sondern kann auch ihren gesamten Lebenszyklus beeinträchtigen, von der Nahrungssuche bis zur Fortpflanzung. Ein langfristiger Schutz dieser faszinierenden Meeressäuger erfordert koordinierte Anstrengungen zur Reduzierung des Schiffsverkehrs und zur Entwicklung leiserer Schiffstechnologien. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Grindwale in der Lage sind, ihre natürlichen Verhaltensweisen uneingeschränkt auszuüben und ihre Population in einem der meistbefahrenen Meeresgebiete der Welt zu erhalten.

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