Natur

Genetische Wurzeln der Tierliebe: Eine Untersuchung

Apr 20, 2026

Die Zuneigung zu Tieren ist ein faszinierendes Phänomen, dessen Ursprünge oft diskutiert werden. Eine aktuelle Studie aus Schottland wirft Licht auf die Frage, ob unsere Tierliebe tief in unserem Erbgut verwurzelt ist. Forschende haben herausgefunden, dass eine spezifische Genvariante, die mit dem Bindungshormon Oxytocin in Verbindung steht, eine Rolle dabei spielen könnte, wie stark wir uns Tieren verbunden fühlen und wie empathisch wir auf deren Wohlergehen reagieren. Obwohl Umwelteinflüsse und persönliche Erfahrungen unbestreitbar prägend sind, deutet die Untersuchung darauf hin, dass es eine biologische Veranlagung für Tierempathie gibt, die unsere Empfindsamkeit gegenüber der Tierwelt beeinflusst.

Die Frage, warum manche Menschen eine tiefe Zuneigung zu Tieren entwickeln, während andere eher gleichgültig bleiben, beschäftigt die Wissenschaft seit Langem. Viele führen dies auf Kindheitserfahrungen, Erziehung und den direkten Kontakt mit Haustieren zurück. Die jüngsten Erkenntnisse des Roslin Institute der Universität Edinburgh, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Animals“, erweitern diese Perspektive jedoch um eine genetische Komponente. Ein Team um die Neurobiologin und Verhaltensforscherin Dr. Sarah Brown untersuchte 161 Studierende, die DNA-Proben abgaben und detaillierte Fragebögen zu ihren Einstellungen gegenüber Tieren beantworteten.

Im Fokus der Untersuchung stand das Gen, das für den Rezeptor des Hormons Oxytocin, oft als „Kuschelhormon“ bezeichnet, kodiert. Oxytocin ist bekannt für seine zentrale Rolle bei der sozialen Bindung, Vertrauen und Empathie, nicht nur zwischen Menschen, sondern auch in der Interaktion mit Tieren. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Personen mit einer spezifischen Variante des OXTR-Gens zeigten im Durchschnitt höhere Werte in der Skala für Mitgefühl gegenüber Tieren. Sie empfanden stärkeres Mitleid bei Tierleid, zeigten größere Besorgnis um das Tierwohl und hatten eine grundsätzlich positivere Einstellung zur Tierwelt.

Diese Feststellungen reihen sich in frühere Forschungen ein, die bereits einen Zusammenhang zwischen bestimmten OXTR-Varianten und einem erhöhten Einfühlungsvermögen sowie einer stärkeren Bindungsfähigkeit gegenüber anderen Menschen nachgewiesen haben. Die schottischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler legen nahe, dass diese biologische „Empathie-Signatur“ sich nicht ausschließlich auf menschliche Beziehungen beschränkt, sondern auch auf Tiere ausdehnt. Sie betonen, dass Menschen mit dieser Genvariante statistisch eher dazu neigen, Tierleid wahrzunehmen und daraus moralische Schlussfolgerungen zu ziehen, beispielsweise im Hinblick auf Massentierhaltung oder Tierschutzfragen. Bemerkenswert ist auch, dass Frauen in dieser Studie tendenziell höhere Empathiewerte für Tiere aufwiesen, was mit früheren Befunden zur Oxytocin-assoziierten Empathie übereinstimmt.

Trotz dieser spannenden Entdeckungen warnen die Forschenden davor, von einem simplen „Tierliebe-Gen“ zu sprechen. Genetische Varianten erklären stets nur einen Teil der individuellen Unterschiede, und das komplexe Zusammenspiel von Genen, Hormonen (wie dem Oxytocin- und Dopamin-System) sowie Umwelteinflüssen ist entscheidend. Die persönliche Biografie spielt eine immense Rolle: Wer in der Kindheit intensive positive Erfahrungen mit Tieren gemacht oder in einem tierfreundlichen Umfeld aufgewachsen ist, entwickelt wahrscheinlich eine stärkere Bindung zu Tieren, unabhängig von ihrer genetischen Veranlagung. Umgekehrt können negative Erlebnisse oder kulturelle Prägungen die Tierliebe mindern, selbst bei einer genetischen Disposition zur Empathie. Die Studie aus Edinburgh offenbart somit eine biologische Tendenz, nicht aber ein unveränderliches Schicksal.

Die Forschung aus Edinburgh ist Teil einer wachsenden wissenschaftlichen Bewegung, die unser Verhältnis zu Tieren als ein komplexes Zusammenspiel biologischer Grundlagen und kultureller Prägungen versteht. Evolutionsbiologinnen und -biologen vermuten, dass Empathie gegenüber Tieren in der Frühzeit der Menschheit Überlebensvorteile bot, indem sie half, Gefahren zu erkennen und nutzbringende Beziehungen zu Tieren aufzubauen. Heute vermischen sich diese archaischen Mechanismen mit modernen Vorstellungen von Tierwohl und Ethik. Die Neigung, Tierbabys mit ihren großen Augen als besonders rührend zu empfinden, hängt mit neuronalen Schaltkreisen zusammen, die ursprünglich auf menschliche Säuglinge abgestimmt sind – ein Phänomen, das viele Tierarten zugutekommt. Wer genetisch bedingt empfänglicher für soziale Signale ist, wird hier besonders stark angesprochen.

Die Frage, ob Tierliebe in unseren Genen verankert ist, lässt sich also nuanciert beantworten. Die Daten aus Edinburgh deuten darauf hin, dass unser Mitgefühl für Tiere zumindest teilweise durch unsere DNA mitgesteuert wird, indem es unsere Sensibilität für soziale Bindungen beeinflusst. Genauso deutlich ist jedoch, dass diese Anlage ohne Erfahrungen, kulturelle Einbettung und persönliche Entscheidungen ein Potenzial bleibt und kein unabänderliches Schicksal darstellt. Für jene, die eine tiefe Zuneigung zu Tieren empfinden, ist diese Leidenschaft ein faszinierendes Ergebnis der Wechselwirkung von Biologie und persönlicher Geschichte. Wer hingegen noch keine ausgeprägte Tierliebe verspürt, ist keineswegs genetisch dazu verdammt, denn die Gene sind lediglich ein Element in einem vielschichtigen Bild menschlicher Emotionen und Verhaltensweisen.

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