Eine niederländische Werbeagentur rief einen einzigartigen Wettbewerb ins Leben, der die Bewohner dazu anregen sollte, ihre Städte grüner zu gestalten. Unter dem Namen „Tegelwippen“ wurden die Teilnehmer ermutigt, nicht mehr benötigte Gehwegplatten zu entfernen und an deren Stelle grüne Beete anzulegen. Diese Bewegung hat sich von einer lokalen Initiative zu einem landesweiten Phänomen entwickelt, das sich mittlerweile auch auf andere europäische Länder ausweitet. Das Ziel ist es, urbane Flächen zu entsiegeln, die Biodiversität zu fördern und die Lebensqualität in den Städten durch mehr Grün zu verbessern.
Diese spielerische Herangehensweise hat nicht nur zu einer beeindruckenden Menge entfernter Platten und neu geschaffener Grünflächen geführt, sondern auch das Bewusstsein für die Bedeutung städtischer Naturräume gestärkt. Die Projekte dienen nicht nur der ästhetischen Aufwertung, sondern tragen auch maßgeblich zur Anpassung an den Klimawandel bei, indem sie Regenwasser besser speichern und die Hitze in den Städten mindern. So verwandeln sich triste Asphaltflächen in lebendige Ökosysteme, die Mensch und Natur zugutekommen.
Ein grüner Wettstreit für die Städte von morgen
Die kreative Idee, Städte durch einen Wettbewerb zu begrünen, entstand in den Niederlanden als Reaktion auf die Einschränkungen während der Coronapandemie. Remco Moen Marcar von der Werbeagentur Frank Lee schlug vor, die traditionelle sportliche Rivalität zwischen Städten auf eine nachhaltige Ebene zu verlagern. Anstatt im Fußball sollten Amsterdam und Rotterdam im „Tegelwippen“ gegeneinander antreten, also im Entfernen von Gehwegplatten. Das Konzept sah vor, die so entstandenen Freiflächen mit Blumen und Sträuchern zu bepflanzen, um nicht nur das Stadtbild zu verschönern, sondern auch ökologische Vorteile zu schaffen. Diese Initiative fand unerwartet großen Anklang und demonstrierte das Potenzial spielerischer Ansätze für den Umweltschutz.
Der Wettbewerb startete 2020 und überraschte die Initiatoren mit seiner Popularität. Bewohner in Amsterdam und Rotterdam entfernten innerhalb von nur acht Monaten 90.000 Gehwegplatten. Rotterdam gewann den ersten "Goldenen Pflasterstein". Seitdem hat sich der Wettkampf zu einer landesweiten Bewegung entwickelt, an der etwa 200 Gemeinden teilnehmen. Gemeinsam wurden seit 2021 rund 15 Millionen Platten entfernt, was einer Fläche von über einem Quadratkilometer entspricht. Die praktischen Vorteile sind vielfältig: Die neuen Grünflächen dienen als effektiver Regenspeicher, kühlen die Städte und bieten Insekten Nahrung sowie Unterschlupf. Das Ministerium für Infrastruktur und Wasserwirtschaft unterstützt die Initiative, und viele Gemeinden stellen Werkzeuge und Pflanzen bereit, erleichtern die Vorschriften für die Entsiegelung und transportieren die entfernten Steine ab.
Nachhaltige Stadtentwicklung mit Spaßfaktor
Ein zentraler Aspekt der Tegelwippen-Initiative ist der Spaß und die Gemeinschaft, die dabei entstehen. Die Organisatoren legen Wert darauf, dass der Begrünungswettbewerb nicht nur effektiv, sondern auch unterhaltsam ist. Bei vielen Pflanzaktionen sorgen Bands für musikalische Unterhaltung, und Nachbarn versorgen die freiwilligen Helfer mit Kaffee und Gebäck. Einige Orte feiern ihre beteiligten Teams sogar mit Karnevalsumzügen, was den gemeinschaftlichen Charakter und die positive Atmosphäre des Projekts unterstreicht. Remco Moen Marcar betont, dass es sich um einen "Wettbewerb mit einem Augenzwinkern" handelt, der die Menschen auf ernsthafte Weise dazu ermutigt, ihre unmittelbare Umgebung grüner zu gestalten. Dieser Ansatz macht Umweltschutz zu einem freudigen und verbindenden Erlebnis.
Der Erfolg des Tegelwippen-Modells hat dazu geführt, dass es sich über die niederländischen Grenzen hinaus verbreitet. Belgien und die Schweiz haben bereits ähnliche Initiativen gestartet. Dies ist besonders wichtig angesichts des anhaltenden Trends zur Flächenversiegelung in Europa, wo jedes Jahr etwa 700 Quadratkilometer Land überbaut werden. Auch in Deutschland engagiert sich Hamburg seit 2025 im Tegelwippen, und Schulen beteiligen sich ebenfalls an Entsiegelungsaktionen. Die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Koblenz hat einen bundesweiten Städtewettbewerb ins Leben gerufen, bei dem Flensburg mit über 100.000 abgetragenen Steinen als Sieger hervorging. In Amsterdam ist die kleinflächige Entsiegelung sogar zur Aufgabe der Behörden geworden: Einwohner können "Fassadengärten" beantragen, bei denen kostenfrei 50 Zentimeter breite Gehwegplatten vor ihren Häusern entfernt werden, um Platz für Grün zu schaffen. Diese Entwicklungen zeigen, wie ein spielerischer Ansatz eine nachhaltige und weit verbreitete Veränderung anstoßen kann.
